An der mediterranen Festlandsküste Spaniens wurde erstmals eine toxinbildende Mikroalgenart nachgewiesen. Damit ist das Vorkommen dieses Organismus rund um die Iberische Halbinsel erstmals bestätigt.
Durch ihr Auftreten verlagert sich ein bislang vor allem mit tropischen Meeren verbundenes Lebensmittelsicherheitsrisiko in Gewässer, die Millionen Menschen mit Fisch versorgen.
Küstenproben liefern den Nachweis
Die Küstengewässer vor Dénia und Jávea an Spaniens südöstlicher Mittelmeerküste lieferten den ersten direkten Nachweis dieses Organismus der Gattung Gambierdiscus außerhalb tropischer Inselgewässer.
Gambierdiscus gehört zu den marinen Dinoflagellaten, einer Gruppe einzelliger Algen.
Dr. Cesar Bordehore, Ökologe an der Universität Alicante (UA), wies die toxinbildende Gattung bei der Untersuchung routinemäßig entnommener Meeresproben unmittelbar in den mediterranen Gewässern der Halbinsel nach.
In archiviertem Material derselben Küste fand sich in früheren Jahren keine Spur des Organismus.
Sein Vorkommen geht folglich auf ein Auftreten innerhalb des vergangenen Jahrzehnts zurück und war nicht bereits seit Langem ein Merkmal dieser Region.
Dieser eng begrenzte Zeitraum macht den Fund zu einer aktuellen und dynamischen Entwicklung. Dadurch wird wichtig zu klären, wie weit sich der Organismus ausbreiten könnte und unter welchen Bedingungen er dauerhaft bestehen kann.
Der Weg der Toxine
Küstennahe Mikroorganismen wie Gambierdiscus können Ciguatoxine freisetzen. Diese auf die Nerven wirkenden Gifte gelangen in das Gewebe von weidenden oder filtrierenden Fischen.
Kleine Pflanzenfresser nehmen die giftigen Mikroalgen auf, Raubfische fressen diese Pflanzenfresser, und mit jeder Mahlzeit reichert sich das Gift weiter an.
Auf diese Weise kann ein mikroskopisch kleines Vorkommen zu einer Erkrankung beim Menschen führen. Deshalb beobachten Forschende die Algen, bevor Fische auf dem Teller landen.
Symptome einer Ciguatera
Ciguatera bezeichnet die Erkrankung nach dem Verzehr toxinbelasteter Fische. Zu ihren Beschwerden zählen Magen-Darm-Probleme, denen häufig ungewöhnliche Nervensymptome folgen.
Im Körper stören Ciguatoxine die Nervenübertragung, indem sie Natrium in die Zellen eindringen lassen. Dadurch feuern Nerven zum falschen Zeitpunkt.
Betroffene können Kribbeln, Juckreiz oder das Empfinden haben, dass kalte Gegenstände heiß sind. Ärztinnen und Ärzte beobachten mitunter zudem einen langsamen Herzschlag und niedrigen Blutdruck.
Die Symptome klingen meist innerhalb weniger Wochen ab, können aber auch Monate anhalten. Die Diagnose beruht weiterhin hauptsächlich darauf, was die Betroffenen gegessen haben.
Was die Zahlen zeigen
Die gezählten Mikroalgenzellen lagen zwischen 20 und 140 pro Liter. Die Zellen entsprachen am ehesten der Art Gambierdiscus australes.
Höhere Zellzahlen können die Wahrscheinlichkeit steigern, dass Fische größere Mengen des Toxins aufnehmen. Das Risiko hängt jedoch auch vom jeweils vorkommenden Mikroalgenstamm ab.
Eine Studie auf den Balearen ergab, dass im Labor kultivierte Exemplare von Gambierdiscus australes – der vor Alicante identifizierten Art – häufig nur schwache Toxinsignale aufwiesen.
Zusätzliche genetische Untersuchungen sollten die Bestimmung weiter absichern. Die ersten Werte helfen den Behörden jedoch bereits dabei, festzulegen, wann Fische beprobt werden sollten.
Kontrollen vor dem Verkauf
Marktkontrollen richten sich auf Fische, die Meerestoxine anreichern können, insbesondere große Räuber, die kleinere Fische fressen.
Labore können Fischfleisch auf Ciguatoxine untersuchen, und Behörden können den Verkauf untersagen, bevor belastete Fänge die Kundschaft erreichen.
„Wir müssen diese Situation genau überwachen“, sagte Dr. Bordehore.
Entscheidend ist, diese Kontrollen konsequent fortzuführen, statt öffentliche Beunruhigung zu schüren. Selbst eine kleine Toxinquelle kann über Jahre unentdeckt bleiben.
Wärme öffnet neue Möglichkeiten
Wärmeres Meerwasser kann tropischen Mikroorganismen ermöglichen, Winter zu überleben, die sie früher an Spaniens Festlandsküste ausgelöscht hätten.
Die Temperatur beeinflusst ihre Zellchemie. Schon ein geringer Anstieg kann das Wachstum so stark beschleunigen, dass sich im Sommer eine stabile Population etabliert.
In europäischen Meeren sind die Oberflächentemperaturen seit Ende der 1970er-Jahre gestiegen, und Hitzewellen treten inzwischen häufiger auf.
Die Verbindung einer einzelnen Mikroalge mit dem Klimawandel erfordert Vorsicht. Das Muster passt jedoch zu anderen beobachteten Verlagerungen von Meereslebewesen nach Norden.
Alte Proben, neue Erkenntnisse
Jahrelange Routineüberwachung ermöglichte es den Forschenden, heutiges Wasser mit konservierten Proben derselben Küste zu vergleichen.
Als Bordehore und seine Gruppe 30 Archivproben aus dem Jahr 2011 erneut prüften, fanden sie keinen Nachweis der toxinbildenden Gattung.
Proben aus der folgenden Untersuchungskampagne zeigten den Organismus anschließend entlang der Küste zwischen Dénia und Jávea, was auf eine jüngere Einwanderung hindeutete.
Dieser zeitliche Abstand verschafft den örtlichen Behörden Zeit für Planungen, denn eine neue Toxinquelle kann verborgen bleiben, bis Fischtests auffällig werden.
Beobachtung des Meeresbodens
Anders als frei treibende Algen, die zum Plankton gehören, sind viele Toxinbildner darauf spezialisiert, am Boden zu leben und sich an Algen, Felsen und Seegras festzuheften.
Fachleute bezeichnen solche Organismen als benthisch, also an Oberflächen des Meeresbodens lebend. Wellen können sie von dort lösen und in das umgebende Wasser eintragen.
Regelmäßige Wasserproben erfassen Bodenbewohner möglicherweise nicht. Deshalb nehmen Teams auch Proben von Algen und Seegras, auf denen die Mikroalgen typischerweise wachsen.
Der Aufbau eines solchen Programms benötigt Zeit und Schulung, ermöglicht Behörden aber eine frühere Warnung als Fischtests allein.
Was Fischer wissen sollten
Für Badegäste stellt die Mikroalge bei Hautkontakt kein Risiko dar, da das Problem erst beginnt, nachdem Fische sie gefressen haben.
Kochen zerstört Ciguatoxine nicht, und weder Geschmack noch Geruch liefern einen Hinweis. Vorbeugung beruht daher auf Überwachung und rückverfolgbaren Verkaufswegen.
„Es gibt vorbeugende Maßnahmen, die auf vorherigen Analysen beruhen und verhindern sollen, dass Fische mit hohen Toxinwerten auf den Markt gelangen. Deshalb ist der vertriebene Fisch vollkommen sicher“, erklärte Bordehore.
Sollte sich die Alge ausbreiten, wird es wichtig sein, lokale Fänge aufmerksam zu beobachten. Denn eine einzige neue Art kann verändern, was als sicher gilt.
Umgang mit einem neu entstehenden Risiko
Der Nachweis der Mikroalge an Spaniens Festlandsküste verbindet wärmere Meere, verborgene Toxine und den Nutzen routinemäßiger Probenahmen.
Langfristige Überwachung und gezielte Fischtests können das Risiko niedrig halten. Die Behörden müssen jedoch jeden Sommer neu eintreffende Arten verfolgen.






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